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Herr Fromm, wer bin ich ohne das alles?

Wenn ich mit Erich Fromm zusammen am Kaffeetisch säße, würde ich ihn als allererstes fragen, warum er seine dritte Frau nur neun Monate nach dem plötzlichen Tod seiner zweiten geheiratet hat. Worauf er wahrscheinlich seine Augenbrauen nach oben ziehend auf seine Privatsphäre verweisen würde. Was mich dazu veranlassen würde, in dieser Richtung vorerst meine Klappe zu halten. Muss er ja wissen. „Eigentlich interessiert mich auch etwas ganz anderes, Herr Fromm“, sage ich, „mich interessiert am allermeisten: Was ist Ihre Antwort auf Ihre eigene zu Lebzeiten gestellte Frage?“

Wer bin ich, wenn ich das alles nicht mehr habe, wenn es mir genommen wird?

Ich sehe ihn mit großen Augen an und setze ein besserwisserisches Grinsen auf, überzeugt, darauf weiß er niemals eine Antwort. Er lächelt und sagt mit einer unglaublichen Gemütsruhe: „Wir befinden uns hier in einem Traum und ich bin schon seit 35 Jahren tot. Wenn du auf diese Frage eine Antwort möchtest, finde Sie selbst“.

Zerknautscht reibe ich mir die Augen und setze mich im Wachzustand mit dieser Frage auseinander. Ich stelle mir also vor, wie es wäre, wenn ich das alles nicht mehr hätte. Sofort fordert mein Verstand mich auf: „Definiere DAS ALLES!“. Wie viel muss ich nicht mehr haben, um leer zu werden und dort anzukommen, wo ich die bin, die ich wirklich bin. Geht das überhaupt heutzutage? Völlig ohne alles zu sein? frage ich mich skeptisch.

Ich gehe im Kopf alle Dinge durch und prüfe mein Gefühl nach vorerst geistiger Wegnahme. Jeweils ein Basic-Stück bliebe mir natürlich. Okay, fangen wir an:

  • Meine Kleider und Röcke. Hm, tut schon ein bisschen weh, aber ging erstaunlicherweise noch.
  • Alle Schuhe und alle Jacken und Mäntel. Tzzzzz… langsam ziehts in der Bauchgegend.
  • Alle meine Haarmittel und sowieso das ganze Bad-TamTam. Gut verkraftet :O).
  • Meine Musik? Arrgggghh – schwer getroffen.
  • Alkohol hier und da und die Zigarette zum Feierabend– Haben andere auch geschafft…. ☹
  • Meine heißgeliebte Wärmflasche – KALT
  • Alle Bilder meines Lebens – Es reicht!
  • Die Liebsten um einen herum – Ist das auch gemeint? Kann nicht sein.

Hier stoppe ich, weil meine Atmung immer flacher wird. Wie hat Gandhi das nur gemacht mit dem glücklich sein mit nur 5 Dingen, die er besaß? Es waren: Brille, Uhr, Sandalen, Teller und eine Schüssel.
Die Vorstellung ohne alles zu sein, ist gruselig. Trotzdem hat dieses kleine Gedankenexperiment mir gezeigt, wie viele kleine und große Dinge dazu beitragen, ein Bild zu haben vom eigenen Sein.

Vielen Dank, Herr Fromm

Ich verstehe langsam, dass es nicht um 2, 5, 10 Dinge mehr geht, die ich mehr oder weniger habe. Es geht darum, zu erkennen, dass wir nicht das sind, was wir besitzen. Keine Titel, keine Autos dieser Welt und auch keine Prada-Pumps sind in der Lage, uns besser oder schlechter zu machen, als wir sind. Die Wahrheit ist, dass wenn alle Menschen nichts besäßen und sich so begegneten auf einem riesigen Platz, dann gäbe es nichts zu verstecken und nichts zu bewerten. Es gäbe auch nichts zu verlieren. Es wäre einfach jeder so, wie er ist. Gut oder schlecht. Lustig oder ernst. Gütig oder selbstbezogen.

So, Herr Fromm, da haben wir nun doch ein bisschen Antwort gefunden. Es bleibt genau der Mensch übrig, der er ist. Alles andere ist Show und mal mehr, mal weniger amüsant. Wenn es das nächste Mal wieder Irritationen von meiner Seite in Richtung: Was ziehe ich an? Wer bin ich? gibt, denke ich an meine kleine Episode mit Herrn Fromm und weiß: Es braucht nicht viel, um zu wissen wer ich bin. Eigentlich fast nichts :O)

Viel Spaß beim einfach Sein!

3 Kommentare zu „Herr Fromm, wer bin ich ohne das alles?“

  1. Liebe Lotti,
    mit großen Augen und nachdenklichem Blick hab ich Deine Zeilen verschlungen. Wunderschön geschrieben! Ich denke: Oh ha. Damit beschäftigst sie sich also gerade.“
    Du scheinst in der Versenkung verschwunden, wir haben so lange nix gehört 🙁
    Deinen Zeilen passen übrigens ziemlich gut zu meinen Gedanken: Everything is connected. We are connected to everything. Abseits von Mainstream, Besitz, Arbeit. Sollten wir dringend bei einem Bourbon besprechen 😉
    hugs and kisses! Maja

  2. Wie unglaublich, Maja. Ich habe kurz vorm Mailcheck ganz fest an dich gedacht. Und hatte den festen Vorsatz, dich unbedingt anzurufen. Einfach fragen, wie es dir geht! Und das werde ich jetzt tun. Danke für deinen Beweis, dass alles verbunden ist und bis zur Connect-Besprechung 🙂

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