Es ist früh morgens und ich mache meine Laufrunde im Park. Im Vorbeilaufen sehe ich mitten auf einer alten Holzbank eine etwas mitgenommene Zeitschrift. My Time steht oben auf dem Titel. Ich denke: Schöner Titel und schnappe mir das Heft. Im Weitergehen überfliege ich den Inhalt und stocke bei einem kleinen Verzeih-mir-Artikel.

Am 26. Juni ist der Tag des Verzeihens, lese ich. »Das ist ein Zeichen« flippe ich innerlich aus. »Du musst mit, Magazin. Ich habe noch ein paar Tage Zeit und bis zum Tag des Verzeihens mache ich dich richtig schön und dann gehst du per Post auf die Reise. Ich mach was ganz Großes aus dir.« Meine Begeisterung hat einen guten Grund: Meine eigenen kleinen Baustellen, die sich im Laufe des Lebens einfach so angesammelt haben.

In Gedanken bei den Menschen, mit denen Funkstille herrscht, schüttle den Kopf und frage mich, warum ich es über eine lange Zeit nicht geschafft habe, diese Stille aus meiner Welt zu nehmen. Ich frage mich: »Warum ist es so schwer, dass zwei Menschen sich wieder gut sind? Eigentlich ist es doch ganz einfach: Es sind nur ein paar Worte und schon wird das Herz weich: Verzeih mir! Oder auf der anderen Seite: Ich verzeihe dir!

Der Stolz zieht ein

Was hinderte mich eine lange Zeit daran, diese Worte auszusprechen? Ich erinnere mich dunkel, dass es einen Zeitpunkt gab, da war einfach so viel Gras über die Sache gewachsen, dass gefühlt der richtige Zeitpunkt verpasst war. Die Zeit ging immer weiter ins Land und eines Tages gab es ein ganz neues Hindernis auf dem Weg zur Versöhnung. Das Hindernis hört auf den Namen Stolz. Am Anfang einer Zerrüttung kommt er mit viel TamTam herbei geeilt, macht sich wichtig und zimmert einen kleinen eisernen Vorhang ums Herz. Irgendwann ist er dann einfach da. Die Frage nach dem Warum ist irgendwie verloren gegangen.

Es wird Zeit

Ich spüre, dass es langsam Zeit ist, ihn gehen zu lassen.

Also nehme ich meinen Stolz fest ins Visier und frage: »Stolz, sag mal, warum bist du eigentlich da?« Der Stolz und ich sehen uns verdattert an. Als nach etlichen Minuten noch immer nichts aus ihm herauskommt, werde ich deutlich. »Du weißt es gar nicht mehr, oder? Du bist einfach nur noch hier, weil du dich daran gewöhnt hast, stimmts?« Du lungerst einfach so in meinem Leben rum, weil es schön bequem für dich ist, oder?«

Der Stolz lässt den Kopf hängen. »Ja, so ist es.« tönt seine Stimme unsicher durch den Raum. »Aber ich bin doch so gerne bei dir. Und ich bin ja auch da, um dich zu schützen. Das wolltest du doch so lange, warum jetzt nicht mehr? Stell dir nur vor, wenn jeder auf deine Idee kommt, seinen Stolz abzuschaffen. Dann wäre ich ja arbeitslos… Und dann?« fragt Stolz mit zittriger Stimme.

Ich sehe ihn an und streichle im über seinen Kopf. »Ach Stolz, mach es mir nicht so schwer. Ich fürchte, du musst dir jemand anderen suchen. Ich möchte nicht mehr dein Zuhause sein.

Ich möchte mit den Menschen leben, sie lieben und auch wenn einige nicht mehr an meiner Seite sein werden, möchte ich, dass sie lächeln, wenn sie an mich denken.

Versöhnung macht glücklich

Also sei mir nicht böse. Ich bin etwas spät, weil der Tag des Verzeihens schon 2 Tage her ist, aber ich fange schnell an. In Nullkommmanix sind kleine Verzeih-Briefe geschnürt. Es steht nicht viel drin. Nur das, was wichtig ist: Verzeih mir. Als die Briefe im gelben Briefkastenschlitz verschwinden, fahre ich beschwingt nach Hause.

»Was für eine gute Fügung, dass ich dieses kleine Heftchen fand. Wie gut, dass mein Bauch mich erinnerte, dass es nicht zu spät ist, um kleine Verzeih-Briefe zu schreiben.

Das größte Glück aber ist, dass der Stolz nicht mehr bei mir wohnt!« jubel ich. Ciao Stolz, HELLO VERSÖHNUNG!

#Jetzt-verzeihmir-Briefe-schreiben! #glücklich-stattstolz

Update 18.10.2020:

Typisch. Das Leben sieht die Sache mit dem Verzeihen Ja wieder mal ganz anders als ich. Es kam einmal nix und einmal Gezeter. Hm…. Meine Oma sagte dazu immer: »Und da steh ich nun, ich armer Tor, und bin nicht klüger als zuvor«. Recht hat sie. Ich bin also der Tor, aber arm ganz und gar nicht. Schließlich kann es doch niemals falsch sein, Jemandem die Hand zu reichen. Ruhiger schlafen lässt mich die ausgestreckte Hand in jedem Fall.

P.S.: Falls die Briefempfänger diesen Beitrag lesen: Es ist okay, wenn Ihr bis ans Ende der Tage schmollen wollt. Und wenn nicht, freu ich mich auch jetzt noch über einen kleinen Wink, dass ich den Kaffee aufsetzen kann. 🙂